Bundestrojaner schuert Angst vor Ueberwachungsstaat

Written by admin on Monday, November 12th, 2007 in Politik.

Online-Studie von Avira: Gegen Bundestrojaner - Knapp 70 Prozent der Anwender sprechen sich gegen die behördlichen Kontrollen aus

Von Staatswegen durchgeführte Überwachungen von Internet und Email sorgen für erhebliches Unbehangen bei Computernutzern – zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Sicherheitsumfrage von Avira. Der deutsche Antivirenexperte hat im Oktober 2.959 Besucher seiner Homepage free-av.de die “Gewissensfrage des Monats” gestellt: “Hand aufs Herz, haben Sie Angst vorm Bundestrojaner”.

Das Votum ist eindeutig: 69 Prozent der Umfrageteilnehmer sind der Meinung, dass Deutschland mit dem Bundestrojaner auf dem direkten Weg zum Überwachungsstaat ist. Etwas differenzierter betrachten 13 Prozent der Befragten die Lage. Sie akzeptieren das Vorgehen der Bundesregierung unter der Voraussetzung, dass die staatliche Schnüffelsoftware nur ganz gezielt eingesetzt wird. Knapp neun Prozent der Internetnutzer machen sich überhaupt keine Sorgen, denn ihre Devise lautet: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“. Weitere 4 Prozent verstehen die Aufregung bei diesem Thema nicht - sie halten den Bundestrojaner für keine ernstzunehmende Bedrohung, sondern einen Medien-Hype. Lediglich 5 Prozent der Befragten befürworten die staatlichen Online-Kontrollen. Sie gaben Avira gegenüber an, dass der Bundestrojaner im Anti-Terror-Kampf eine längst überfällige Maßnahme sei.

Wie Tjark Auerbach, Gründer und Geschäftsführer der Avira erklärt, führt der Bundestrojaner aber nicht automatisch zum gläsernen Internetnutzer: „Ein Trojaner ist und bleibt eine Spionage-Software. Auch der Staat kommt nicht umhin, einem funktionierenden, massenwirksamen Bundestrojaner schadsoftwaretypische Komponenten einzubauen. Die so genannte heuristische Erkennung eines Virenscanners untersucht die Anhänge in Emails und Downloads genau auf jene verdächtigen Eigenschaften. Sollten charakteristische Funktionen implementiert worden sein, wird dies von einem zuverlässigen Virenscanner im Vorfeld gemeldet und der Anwender gewarnt. Aufgrund dieses technischen Verfahrens sind für eine Antivirensoftware damit alle Trojaner gleich.“

Als Mitglied der Initiative „IT Security Made in Germany“ (ITSMIG) verschafft Avira seinen Anwendern Gewissheit: Der Tettnanger Virenschutzanbieter hat jüngst eine so genannte Selbstverpflichtung unterzeichnet. Darin erklärt der Hersteller ausdrücklich, dass die Antivirensoftware Avira AntiVir weder für den beruflichen noch für den privaten Einsatz verdeckte Zugangskennungen und Zugangsmechanismen enthält, die Dritten einen vom Kunden nicht kontrollierten Zugriff auf das Computersystem ermöglichen oder sicherheitsrelevante Funktionalitäten deaktiveren.

Bayerischer Datenschützer warnt vor Online-Durchsuchung “Bundestrojaner könnte richtig teuer werden”

Der Bundestrojaner sorgt mittlerweile für ähnliches Aufsehen wie das Holzpferd, mit dem die Griechen dereinst die Trojaner hinters Licht führten. Allerdings fehlt den Verbalschlachten um die heimliche Online-Durchsuchung privater PCs bisweilen das Überraschungsmoment des mythischen Vorbilds. Nun aber belebt der bayerische Datenschutz-Beauftragte Karl Michael Betzl die festgefahrene Debatte mit neuen Argumenten: In einem Interview mit CHIP, dem Magazin für digitale Technik, warnt Betzl vor schwerwiegenden finanziellen Folgen des Bundestrojaners.

Die Forderung deutscher Sicherheitsbehörden, Privatcomputer mit Hilfe einer Spionage-Software ausspähen zu dürfen, ist datenschutzrechtlich äußerst umstritten. Doch Betzl befürchtet auch handfeste wirtschaftliche Probleme: “Die Spyware könnte das EDV-System eines Unternehmens beschädigen, Geschäftsgeheimnisse könnten in die falschen Hände geraten.” Dann, so der Landesbeauftragte, drohten Schadensersatzklagen.

Bayerns oberster Datenschützer hält die nationale Sichtweise der Befürworter einer Online-Durchsuchung für unzureichend: “Ein einmal freigesetzter Trojaner hält sich nicht an Landesgrenzen. Er könnte auch in Südafrika oder New York seine schädliche Wirkung entfalten oder einem Trittbrettfahrer den Eintritt ermöglichen.” Mit möglicherweise fatalen Folgen, so Betzl im CHIP-Interview: “Dann haben Sie nach der dortigen Rechtsordnung eine Klage am Hals. Das könnte richtig teuer werden.”

Betzl übt in dem Artikel auch grundsätzliche Kritik an den immer weiter gehenden Überwachungsmaßnahmen im Namen der Terror-Abwehr: “Inzwischen hat sich das alles verselbstständigt, der Antiterror-Schutz ist nur noch Lippenbekenntnis.”

Das vollständige Interview erscheint in der aktuellen CHIP 05/2007, die am 5. April in den Handel kommt.

Weblink:
BKA-Präsident: “Online-Durchsuchung ist kein Hacking”
Jörg Ziercke rechtfertigt den “Bundestrojaner”
Artikel bei Golem: http://www.golem.de/0703/51329.html



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